Der Anfang des Projektes
Alles begann mit genau diesen beiden Bergen.
Im Hinblick auf meine geplante Besteigung des Kilimandscharo im Oktober 2025 suchte ich nach geeigneten Vorbereitungstouren, um meine Ausdauer, Trittsicherheit und mentale Belastbarkeit unter alpinen Bedingungen zu testen. Nach mehreren erfolgreichen Gipfeltouren in der Schweiz, darunter der Hochstollen, sowie in Liechtenstein mit den Drei Schwestern, fiel meine Wahl auf zwei vermeintlich unkomplizierte Ziele: den Triglav in Slowenien und die Zugspitze, Deutschlands höchsten Berg. Beide Touren sollten als letzte Generalprobe dienen und den Gipfelerfolg am Kilimandscharo bestmöglich absichern.
Mein Plan war ambitioniert: Anfang September wollte ich zunächst den Triglav über das Krma-Tal und anschließend die Zugspitze über das Rheintal besteigen. Doch die Berge hatten andere Pläne.
Am Tag der Triglav-Besteigung verschlechterten sich die Bedingungen dramatisch. Während des Aufstiegs zog ein Schneesturm über den Gipfelgrat, wodurch eine sichere Fortsetzung der Tour nicht mehr möglich war. Rund 300 Höhenmeter unterhalb des Gipfels musste ich an der Triglavski Dom Hütte umkehren. Als ich am darauffolgenden Tag die Zugspitze in Angriff nehmen wollte, hatte sich die Wettersituation nahezu ironisch umgekehrt: Während am Triglav strahlender Sonnenschein herrschte, präsentierte sich die Zugspitze unter schlechten Wetterbedingungen.
Auch wenn beide Touren nicht mit dem erhofften Gipfelerfolg endeten, gehörten sie zu den lehrreichsten Erfahrungen meiner bisherigen Bergsteigerlaufbahn. Insbesondere zwei Erkenntnisse haben sich nachhaltig eingeprägt:
- Unterschätze niemals die Macht und Dynamik des Wetters im Gebirge.
- Nutze schwierige Bedingungen, um Schwachstellen in deiner Ausrüstung zu identifizieren und konsequent zu beheben. Der Triglav zwang mich beispielsweise dazu, in deutlich hochwertigere und wetterfeste Handschuhe zu investieren.
Die Vorbereitung zahlte sich letztlich aus: Die Besteigung des Kilimandscharo verlief erfolgreich und markierte gleichzeitig den Beginn neuer alpiner Ziele. Motiviert durch dieses Erlebnis setzte ich mir ein ehrgeiziges Projekt: die Besteigung der sogenannten „Seven Summits der Alpen“. Zu dieser persönlichen Liste zählen die Zugspitze, der Triglav, die Vorder Grauspitz, der Mont Blanc, der Großglockner, der Gran Paradiso sowie die Dufourspitze.
Während die Planung der meisten Berge vergleichsweise unkompliziert verlief, stellte mich insbesondere die Vorder Grauspitz vor unerwartete Herausforderungen. Die Kombination aus weglosen Passagen, brüchigem Felsgelände und einer anspruchsvollen Gratüberschreitung machte die Tour bereits auf dem Papier zu einem ernstzunehmenden alpinen Unternehmen. Erschwerend kam hinzu, dass nur sehr wenige verlässliche Informationen verfügbar waren. Die Online-Dokumentation zu diesem Berg ist äußerst begrenzt. Die einzige wirklich hilfreiche Quelle war eine kurze Routenbeschreibung des Liechtensteiner Alpenvereins (LAV) von Peter Frick. Darin werden drei Varianten vom Schwarzhorn zur Vorder Grauspitz vorgestellt, die je nach Linienführung Schwierigkeiten zwischen T4 und T6 aufweisen.
Gerade diese Kombination aus alpiner Ernsthaftigkeit, fehlender Infrastruktur und spärlicher Dokumentation machte die Vorder Grauspitz für mich zu einem der spannendsten Projekte innerhalb meiner persönlichen „Seven Summits der Alpen“.
Die höchsten Punkte Liechtensteins
Da mich der brüchige Grat zunächst etwas abgeschreckt hatte, suchte ich nach einer sichereren Möglichkeit, die Vorder Grauspitz zu besteigen. Zwar habe ich Kondition wie ein Pferd, klettern kann ich hingegen eher wie eine Schildkröte. Umso dankbarer war ich, als ich auf der Homepage des Liechtensteiner Alpenvereins (LAV) eine kostenlose Alpintour unter der Führung von Arnold Frick fand und daran teilnehmen konnte.
Nach einer kurzen Abstimmung mit Arnold und einem „Bergfreund“, den ich einige Monate zuvor auf der Zugspitze kennengelernt hatte, ging es für mich am 13. Juni 2026 bereits um 06:30 Uhr vom Parkplatz in Steg in Richtung Valüna-Obersäss los.
Arnold hatte zwar angeboten, die ersten Kilometer mit dem Fahrrad zurückzulegen, aber auch das gehört nicht gerade zu meinen Stärken. Außerdem schleppte ich seit gut einer Woche eine Erkältung mit mir herum und hoffte, diese auf den ersten Kilometern einfach „rauszulaufen“.
Die Tour zur Vorder Grauspitz nimmt je nach Tempo und Bedingungen zwischen sieben und zehn Stunden in Anspruch. Der zeitintensivste Teil ist dabei eindeutig die Gratüberschreitung zwischen Hinterer und Vorderer Grauspitz.
Route: (ca. 7h-10h):
Steg – Valüna-Obersäss – Ijesfürkle – Schwarzhorn (Hinter Grauspitz) – Vorder Grauspitz - Schwarzhorn (Hinter Grauspitz) - Ijesfürkle - Valüna Obersäss - Steg
Wichtiger Hinweis: Für diese Tour sind alpine Erfahrung, absolute Trittsicherheit, Schwindelfreiheit sowie Kenntnisse im Umgang mit einfachem Klettergelände erforderlich.
1. Steg
Mein Tag begann um 06:30 Uhr. Kurz nach dem Tunnel in Richtung Malbun befindet sich auf der linken Seite im kleinen Dorf Steg ein Parkplatz, der sich ideal als Ausgangspunkt eignet.
Hüstelnd machte ich mich von dort auf den Weg nach Süden und passierte zunächst den Stausee Steg, an dem um diese Uhrzeit bereits fleißig geangelt wurde.
Ab hier hat man zwei Möglichkeiten: Entweder folgt man direkt dem Valünabach auf einem schmaleren Pfad oder man nutzt die etwas breitere Valunastraße, die auch von Traktoren befahren werden kann. Da der Treffpunkt des LAV um 07:30 Uhr in Valüna-Obersäss angesetzt war, entschied ich mich für die zweite Variante. Sie ist etwas flacher und deutlich energiesparender als die sogenannte Mountainbike-Route.
Tatsächlich war meine Planung ausnahmsweise gar nicht so schlecht. Um 07:25 Uhr erreichte ich den Treffpunkt. Zwar musste ich auf den letzten Metern fast sprinten, dafür kam ich noch vor den meisten E-Bike-Fahrern an und konnte sogar eine andere Läuferin überholen. Für meine Verhältnisse war das schon fast ein sportliches Highlight.
2. Valüna-Obersäss
Beim Treffpunkt in Valüna-Obersäss handelt es sich um eine Weggabelung. Die Valunastraße führt von hier nach Osten zur Pfälzerhütte, während ein schmaler Pfad weiter dem Bachlauf folgt.
Ob dieser Bach ganzjährig Wasser führt oder lediglich durch die Schneeschmelze gespeist wird, kann ich ehrlich gesagt nicht sagen.
Was ich allerdings sagen kann: Der Abschnitt zwischen Valüna-Obersäss und dem Ijesfürkle war für mich der anstrengendste Teil der gesamten Tour. Stellenweise erreicht der Anstieg Steigungen von bis zu 40 Grad.
Landschaftlich wird man zunächst eher sparsam belohnt. Neben dem Blick zum Plasteikopf begegneten mir einige Bergsalamander und zu meiner Überraschung, das erste vierblättrige Kleeblatt meines Lebens. Wer allerdings große Panoramen erwartet, muss sich noch etwas gedulden. Oder ein großer Fan von Heidi sein.
Bereits auf diesem Abschnitt ist gute Trittsicherheit gefragt. Das morgens noch feuchte Gras kann äußerst rutschig sein, und ein Ausrutscher hätte hier schnell unangenehme Folgen.
3. Ijesfürkle (2348m)
Sobald die ersten Schneefelder und Schuttflächen auftauchen, ist man auf dem besten Weg zum Schwarzhorn beziehungsweise zur Hinteren Grauspitz. Ab hier wird die Route zunehmend weglos und deutlich alpiner.
Mein Bergfreund von der Zugspitze musste an dieser Stelle bereits in Richtung Pfälzerhütte abdrehen. Das zeigt recht gut, wie viel Kondition für die Besteigung der Grauspitzen erforderlich ist.
Zwischen dem Ijesfürkle und dem Schwarzhorn bewegt man sich überwiegend durch Schuttgelände. Im Juni muss zusätzlich noch ein Schneefeld gequert werden. Wer darauf verzichten möchte, sollte die Tour eher im Juli oder August planen.
Laut Komoot erreichen einzelne Passagen Steigungen von bis zu 66 Grad. Spätestens hier sind Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und eine gute Portion Kondition Pflicht.
Wer an diesem Punkt bereits kräftemäßig am Limit ist, sollte spätestens am Schwarzhorn umdrehen. Die Pfälzerhütte oder die Alp Valüna sind deutlich angenehmere Orte, um einen Most zu trinken, als ein ausgesetzter Grat auf über 2500 Metern.
4. Schwarzhorn / Hinter Grauspitz (2574m)
Hat man den Grat vom Ijesfürkle mit einigen einfachen Kletterstellen im ersten Schwierigkeitsgrad überwunden, gelangt man kurz unterhalb des Gipfels zu einer kleinen Madonna-Figur. Diese wurde zum Gedenken an Cordula Vogt errichtet, die hier im Jahr 1983 tödlich verunglückte.
Etwa 20 Meter weiter erreicht man schließlich den Gipfel der Hinteren Grauspitz, die vielerorts auch als Schwarzhorn bezeichnet wird. Das Gipfelkreuz aus Metall ist überraschend groß und stabil, das muss es allerdings auch sein, denn es wird regelmäßig zum Abseilen auf den Grat in Richtung Vorder Grauspitz „missbraucht“.
Spätestens hier wird einem klar, dass die Vorder Grauspitz kein gewöhnlicher Wanderberg ist. Wer bis hierher gekommen ist, hat den einfachen Teil der Tour bereits hinter sich.
5. Vorder Grauspitz (2599m)
Der Höhepunkt der Tour und gleichzeitig der körperlich wie mental anspruchsvollste Abschnitt, oder wie ich es gerne nenne: der Bottleneck, ist die Gratüberschreitung von der Hinteren zur Vorderen Grauspitz.
Mittels Prusik verlässt man die Hintere Grauspitz über das am Gipfelkreuz befestigte Seil und steigt auf den brüchigen Grat ab. Genau an dieser Stelle begann für mich der Teil der Tour, vor dem ich im Vorfeld den größten Respekt hatte.
Hier kam mir einer der Teilnehmer der LAV-Tour zur Hilfe. Nennen wir ihn einfach Mike.
Ich habe bereits erwähnt, dass meine Kletterkünste ungefähr auf Schildkröten-Niveau liegen. Diese Selbsteinschätzung sollte sich als erstaunlich präzise herausstellen. Dank Mikes permanentem Eins-zu-eins-Coaching konnte ich jedoch unglaublich viel lernen, ohne jemals zuvor ernsthaft geklettert oder auch nur eine Boulderhalle von innen gesehen zu haben.
Das eigentlich Unangenehme an dieser Passage sind nicht einmal die Kletterstellen selbst. Auch die Nähe zum Abgrund empfand ich weniger problematisch als erwartet. Das wahre Problem ist das Gestein.
Die Felsen sind teilweise extrem brüchig. Immer wieder muss man Griffe und Tritte testen, mehrfach umgreifen und nach wirklich festem Fels suchen. Genau das kostet Zeit, Kraft und vor allem Vertrauen.
Obwohl die Hintere Grauspitz lediglich rund 15 Höhenmeter niedriger ist als die Vordere Grauspitz, darf man sich davon nicht täuschen lassen. Durch den Abstieg auf den W-förmigen Grat verliert man zunächst deutlich an Höhe, bevor man diese auf der anderen Seite wieder zurückgewinnen muss.
Nach einigen weiteren Klettermetern gelangt man schließlich auf einen Abschnitt aus sandigem Schutt und wenig später auf den höchsten Punkt Liechtensteins.
Die Aussicht über das Rheintal und weite Teile Liechtensteins ist beeindruckend. Der Blick in Richtung Schweiz hat mich hingegen etwas enttäuscht. Dort dominiert vor allem Schutt und Geröll. Persönlich fand ich den Ausblick vom Schönberg im Winter sogar schöner. Das ist natürlich Geschmackssache.
Nach einer kurzen Pause zum Essen, Trinken und Durchatmen stand allerdings bereits die nächste Herausforderung an: Derselbe Grat musste wieder zurück überwunden werden.
Und genau hier bekam ich Probleme.
Nach knapp 1500 absolvierten Höhenmetern ließ meine Kraft langsam nach. Besonders in den Kletterpassagen merkte ich, dass die Reserven nicht mehr unendlich waren. Auch auf dem Rückweg stand mir Mike mit Rat und Tat zur Seite. Ohne seine Unterstützung hätte ich mich deutlich schwerer getan.
Falls du das hier irgendwann liest: Vielen Dank dafür.
6. Rückweg
Der Rückweg erfolgt auf derselben Route wie der Aufstieg.
Eine Dame aus der Gruppe bemerkte recht schnell, dass meine Energiereserven langsam zur Neige gingen, und drückte mir ein Malzzückerli aus der Schweiz in die Hand. Ob es wissenschaftlich belegt ist oder nicht, in diesem Moment hat das Zeug Wunder gewirkt.
Weniger angenehm waren die Ohrenschmerzen, die mich während des Abstiegs begleiteten. Aufgrund meiner Erkältung funktionierte der Druckausgleich kaum, was jeden verlorenen Höhenmeter spürbar machte.
Ab dem Ijesfürkle konnten wir große Teile des Abstiegs über ein Schneefeld zurücklegen. Das ging deutlich schneller als über den Schutt. Allerdings rutschte ich dabei einmal aus und ließ meine Trekkingstöcke etwa 20 Meter weiter oben im Schnee zurück.
Zum Glück bemerkte Mikes Frau das Missgeschick und brachte mir die Stöcke wieder mit. Vermutlich wären sie sonst bis zum nächsten Winter dort geblieben.
Zurück auf der Alp Valüna ließen wir den Tag gemeinsam bei einem Most ausklingen und feierten den erfolgreichen Gipfeltag.
Besonders beeindruckt hat mich die Organisation und Hilfsbereitschaft des Liechtensteiner Alpenvereins. Arnold Frick wollte für die Tour weder Trinkgeld noch irgendeine andere Gegenleistung annehmen. Deshalb habe ich beschlossen, dem LAV stattdessen eine kleine Spende zukommen zu lassen. Nach diesem Tag erscheint mir das mehr als verdient.
7. Fazit
Die Besteigung der Vorder Grauspitz war für mich weit mehr als das Erreichen eines weiteren Gipfels auf meiner Liste der „Seven Summits der Alpen“.
Die Tour hat mir gezeigt, wo meine Stärken liegen, nämlich bei Ausdauer und Durchhaltevermögen aber auch, wo ich noch Nachholbedarf habe. Gerade im Bereich Klettertechnik und Bewegung in brüchigem Gelände konnte ich enorm viel lernen.
Wer die Vorder Grauspitz besteigen möchte, sollte den Berg keinesfalls unterschätzen. Trotz seiner vergleichsweise geringen Höhe von 2599 Metern verlangt die Route alpine Erfahrung, Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und eine gute Kondition. Die Schwierigkeiten entstehen hier nicht durch die Höhe, sondern durch das Gelände.
Gleichzeitig macht genau das den Reiz dieses Berges aus. Die Kombination aus weglosen Passagen, ausgesetzter Gratüberschreitung, anspruchsvoller Orientierung und der Tatsache, dass man auf dem höchsten Punkt Liechtensteins steht, sorgt für ein echtes Abenteuergefühl.
Für mich war die Tour einer der lehrreichsten Bergtage der letzten Jahre. Nicht nur wegen des Gipfels, sondern auch wegen der Menschen, die ich unterwegs kennenlernen durfte.
Und manchmal sind genau diese Begegnungen am Ende mehr wert als jeder Gipfeleintrag im Tourenbuch.
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Kommentare
Jetzt habe ich deinen Blog also tatsächlich noch gefunden. Da werde ich demnächst gerne weiter schmökern und mich inspirieren lassen! War ein Wahnsinns-Erlebnis, die Grauspitze! Sonnige Grüsse von der mit dem Platten im Reifen ;)
Hahaha! Top! Die Grauspitzen haben mir auch super gefallen, hat mich gefreut das dein Reifen auf der Alp repariert wurde. Toll das du meinen Blog gefunden hast, den Weg zur Kirchlespitz habe ich immer noch nicht gefunden hahahahah