Das Malbuner Hufeisen

Veröffentlicht am 24. Mai 2026 um 17:06

Rund um das kleine Bergdorf Malbun erstreckt sich eine hufeisenförmige Bergkette, die von der Bergstation Sareis bis zur Kirchlespitz (1.929 m) reicht. Mit ausreichend Kondition, guter Planung und etwas Durchhaltevermögen lassen sich auf dieser beeindruckenden Rundtour sechs bis sieben Gipfel verbinden.

Bei meinem Versuch standen am Ende fünf Gipfel auf der Liste. Den Gorfion (2.308 m) hielt ich vor Ort zunächst für nicht besteigbar, und den Zustieg zur Kirchlespitz konnte ich schlichtweg nicht finden.

Da die gesamte Route (ausgenommen für Trailrunner) zwischen sechs und acht Stunden in Anspruch nimmt, habe ich sie gedanklich in mehrere Etappen unterteilt. Jede Etappe entspricht dabei einem Gipfel.

Route: (ca. 5h - 7h):
Malbun – Sareisjoch – Spitz – Augstenberg – Silberhorn – Nospitz – Girastein – Malbun

Achtung: Alpine Erfahrung notwendig!

Blick von Weg zwischen Silberhorn (2150m) und Augstenberg (2358m) auf die Grauspitzen. 

 

1. Spitz (2186m)

Mein Tag begann um 07:00 Uhr in Malbun. Nach einem Kaffee an der Coop-Tankstelle in Balzers machte ich mich vom kostenlosen Parkplatz P3 auf den Weg zum Fürstin-Gina-Weg.

Nach einer eher beängstigenden Begegnung mit einem territorialen Hund in der Größe eines kleinen Kalbes wurden die ersten 400 Höhenmeter bis zum Sareisjoch fast schon im Laufschritt zurückgelegt. Obwohl erst Mitte Mai war, waren die Wege bereits gut erkennbar und Schnee lag nur noch vereinzelt in schattigen Bereichen. Hätte ich hier nicht regelmäßig auf die Karte geschaut, hätte ich den Spitz mit seinem markanten Funkturm nach einer kleinen Schneefläche und einem Warnschild beinahe übersehen.

 Der Aufstieg auf den Spitz ist technisch wenig anspruchsvoll. Laut LAV wird die Route mit T3, WT3 und WS+ bewertet. Wichtig ist, dass man den Gipfel von der Seite des Augstenbergs ansteuert. Als Orientierung dient dabei das bronzene Schild des Fürstin-Gina-Weges. Am Gipfel angekommen steht ein Steinmann, bei dem ich allerdings kein Gipfelbuch finden konnte. Nach dem obligatorischen Gipfelfoto mit der Antenne ging es wieder unter den wachsamen Blicken zahlreicher Murmeltiere hinunter .

 

 

2. Augstenberg (2358m)

Nach dem entspannten Abstieg vom Spitz zurück auf den Hauptweg führte die Route weiter über die noch schneebedeckte Nordostflanke des Augstenbergs. Da weder Spuren noch andere Anhaltspunkte erkennbar waren, entschied ich mich, die Wanderstöcke gegen den Eispickel zu tauschen. Im Falle eines Ausrutschers wollte ich auf dem steilen Altschnee lieber vorbereitet sein.

Auch hier begegneten mir zahlreiche Murmeltiere, die in beeindruckendem Tempo über die Schneefelder flüchteten, sobald sie mich bemerkten.Kurz vor dem Gipfel stellte ich fest, dass mir ein Mann mit zwei Hunden folgte. Wie sich später herausstellte, stammte er aus Tschechien. Besonders bemerkenswert: Er lief die gesamte Strecke in meinen Spuren, und das in Sneakern. Lassen wir das einfach einmal so stehen.

Oben angekommen wird man mit einer fantastischen Aussicht über das gesamte Oberland Liechtensteins belohnt. Der LAV bewertet den Normalweg auf den Augstenberg mit T2, WT4 und ZS-. Damit zählt der Gipfel im Sommer zu den leichteren Zweitausendern der Region und eignet sich grundsätzlich auch für weniger erfahrene Bergwanderer. Der vorherige Abstecher auf den Spitz war in meinen Augen sogar etwas anspruchsvoller.

 

 

3. Silberhorn (2150m)

Auf dem Augstenberg beschäftigten mich zwei Möglichkeiten: Entweder den Gorfion aus der Nähe erkunden oder direkt in Richtung Silberhorn weiterziehen. Da der Gorfion laut LAV lediglich mit T2 bewertet wird, verschob ich diesen Gipfel auf eine spätere Tour, die ich mit dem Naafkopf in einer sommerlichen Tour kombinieren möchte. Also begann der Abstieg nach Süden in Richtung Silberhorn.

Schnell wurde mir klar, weshalb der LAV diese Route mit T4, WT4 und ZS- bewertet. Anfangs ist der Weg noch gut erkennbar, doch sobald man die Kurve auf den Grat Richtung Silberhorn passiert, wird die Orientierung deutlich schwieriger. Wer nicht aufmerksam bleibt, kann sich hier schnell verstolpern oder vom eigentlichen Weg abkommen. Auch der äußerst selbstbewusste Wanderer, der mir entgegenkam und durch diverse Abkürzungen mehrfach Steinschlag auslöste, war dabei keine große Hilfe.

Ich setzte daher vorsichtshalber meinen Helm auf und bemerkte bald, dass ich mich ständig ein bis fünf Meter oberhalb des eigentlichen Normalwegs bewegte. An einer Stelle musste ich sogar etwa zwei Meter im zweiten Schwierigkeitsgrad abklettern, um wieder auf die richtige Route zurückzufinden.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Passage, an der mir gefühlt fünf Zentimeter Körpergröße fehlten. Um weiterzukommen, musste ich kurz umgreifen, was den Puls spürbar nach oben trieb.

Zurück auf dem Normalweg folgt schließlich eine angenehme Gratwanderung bis zur Abzweigung zum Gipfelkreuz. Dieses befindet sich in einem überraschend schlechten Zustand und ist stark verwittert. Aufgrund der zahlreichen Splitter sollte man es möglichst nicht berühren.

Am Gipfel traf ich eine sympathische Wanderin aus Stuttgart, die gemeinsam mit ihren beiden älteren Hunden unterwegs war. Sie war über eine einfachere Alternative direkt von Malbun aufgestiegen. Diese Route wird mit T2 bewertet, war aufgrund der verbliebenen Schneefelder allerdings nur schwer zu erkennen.

 

 

4. Nospitz (2091m)

Weiter geht es in Richtung Nordwesten. Die Wanderin aus Stuttgart hat es an diesem Tag tatsächlich noch bis zur Pfälzerhütte geschafft,  für mich stand jedoch der nächste Gipfel auf dem Programm: die Nospitz (2.091 m).

Ich ignorierte bewusst den Abstiegsweg zurück nach Malbun und folgte stattdessen einem grasbewachsenen Sattel, der komplett mit Enzian durchsetzt war. Schon dieser Abschnitt zeigt, warum die Bergtour rund um Malbun so abwechslungsreich ist: sanfte Wiesen, alpine Blumen und kurze, aber ausgesetzte Passagen wechseln sich ständig ab. Nach einem kurzen Abschnitt durch Bergkiefer (Latschenkiefer), einem etwa zwei Meter langen Schneefeld und mehreren unübersichtlichen, steileren Passagen begegneten mir von Westen zwei Trailrunner mit Hund. Sie waren zwischen dem Girastein und der Nospitz aufgestiegen und bewegten sich erstaunlich leichtfüßig über das Gelände.

Der Abschnitt vor dem Gipfel verlangt noch einmal volle Aufmerksamkeit. Auch wenn der Hang größtenteils grasbewachsen ist, kann ein falscher Schritt auf dem schmalen Pfad schnell unangenehm werden. Selbst die Trailrunnerin kam kurz ins Stolpern und genau in solchen Momenten gilt: Ego rausnehmen, Fokus rein. Die Schwierigkeit von T4 welche vom LAV definiert wurde trifft bei diesem Part ganz gut zu.

Die letzten rund fünf Höhenmeter zum Gipfel können entweder leicht erklettert oder wie die Trailrunner es vorgemacht haben – auch laufend bewältigt werden. Die Rückmeldung „du bist eindeutig zu warm angezogen“ war dabei vermutlich nicht ganz falsch.

Oben angekommen ist der Platz begrenzt. Bei mehr als drei Personen plus Hund wird es schnell eng. Der Gipfel selbst ist von Enzian vollständig durchzogen, was ihn gleichzeitig wild, unaufgeräumt und extrem schön wirken lässt. Als der Hund die Trailrunner schließlich wieder Richtung Augstenberg motivierte, kehrte Ruhe ein. Genau dieser Moment macht die Gipfelwanderung in Liechtenstein aus: völlige Stille, kaum Menschen und ein überraschend intensives Naturerlebnis auf engem Raum. Ich nutzte die Gelegenheit für einen kurzen Eintrag ins Gipfelbuch und blieb noch einige Minuten, um die Szenerie wirken zu lassen.

 

 

5. Girastein (1929m)

Ab hier wurde die Tour deutlich unübersichtlicher. Eigentlich war mein Ziel die Kirchlespitz gewesen. Allerdings konnte ich weder online noch vor Ort eine klare Route oder verlässliche Beschreibung finden. Also verließ ich die Nospitz und stieg weiter in Richtung Norden ab.Dieser Abschnitt ist typisch für weniger dokumentierte Gipfel in Liechtenstein: kaum markierte Wege, viele freie Routen und maximale Eigenverantwortung. Wer hier unterwegs ist, sollte wirklich noch konzentriert sein, auch nach mehreren Stunden Tour.

Orientierung boten mir im Wesentlichen zwei Kuhtränken:

  • eine direkt nach dem Abstieg von der Nospitz
  • eine weitere auf einem Sattel, der im Winter vermutlich den Beginn einer Skipiste markiert

Wenn man sich anschließend konsequent auf der rechten Flanke des Geländes hält, findet man wieder einen erkennbaren Pfad, der bis zum Girastein (1.929 m) führt.

Interessant: Dieser Gipfel ist weder bei der Homepage des LAV noch auf Wikipedia oder Google Maps wirklich dokumentiert, taucht aber dennoch auf offiziellen Karten auf. Genau an solchen Stellen wird klar, wie wenig systematisch viele Bereiche der Liechtensteiner Berge beschrieben sind und warum diese Touren oft echte Entdeckungsarbeit bleiben.

Der Girastein selbst besitzt ein verstecktes Gipfelbuch in einem Steinmann. Beim Eintrag habe ich dort auch gleich meinen Kugelschreiber beigelegt. Laut Tourenberichten anderer wird die Schwierigkeit auf T3-T4 und UIAA II eingestuft, wobei es an sich nicht Anspruchsvoll sondern nur weglos ist. Ich persönlich würde diesen Berg bei T3 einordnen. Die Aussicht ist schwer zu beschreiben: nicht klassisch spektakulär wie auf bekannten Panoramagipfeln, sondern eher ruhig, etwas roh und fast „versteckt“. Genau deshalb eignet sich dieser Ort perfekt für alle, die Einsamkeit in den Alpen suchen.

Nach einer kurzen Pause begann ich erneut mit der Suche nach einem Übergang zur Kirchlespitz. Laut LAV wäre dieser mit T2 bewertet, allerdings konnte ich keinen direkten Weg finden, ohne mich erneut durch dichte Latschenkieferbestände zu kämpfen. Ich entschied mich daher, umzudrehen und über den bereits bekannten Sattel, vermutlich eine ehemalige Skipiste, über die Alp Pradamee zurück nach Malbun abzusteigen.

Alternative Routen würde ich an dieser Stelle nur sehr erfahrenen Berggängern empfehlen, da teilweise erhebliche Absturzgefahr besteht und die Orientierung schnell verloren gehen kann.

 

 

Fazit
Die Tour rund um Malbun über Spitz, Augstenberg, Silberhorn, Nospitz und Girastein ist keine klassische „Spaziergangs-Bergtour“, sondern eine echte alpine Grat- und Entdeckungsrunde, die sich irgendwo zwischen Genusswanderung und anspruchsvoller Bergfahrt bewegt.

Was sie besonders macht, ist nicht nur die Anzahl der möglichen Gipfel, sondern vor allem der Charakter: ständig wechselnde Bedingungen, kurze weglosere Passagen, überraschend ausgesetzte Stellen und dazwischen immer wieder ruhige, fast schon vergessene Gipfelmomente. Genau diese Mischung ist es, die die Bergtour um Malbun so spannend macht.

Technisch ist vieles im Bereich T2 bis T3 gut machbar, einzelne Abschnitte, vor allem Richtung Silberhorn und bei Varianten abseits des Normalwegs, verlangen aber definitiv Trittsicherheit, Orientierungssinn und die Bereitschaft, auch mal umzudrehen. Gerade im frühen Sommer mit Altschnee kann sich die Schwierigkeit deutlich erhöhen.

Besonders in Erinnerung bleiben die kleinen, unerwarteten Momente: Murmeltiere auf Schneefeldern, Latschenkiefer-Passagen im Zickzack, improvisierte Routenwahl und diese Mischung aus völliger Stille und gleichzeitig maximaler Konzentration. Dazu kommt, dass viele Gipfel in diesem Gebiet erstaunlich wenig dokumentiert sind, was die Tour gleichzeitig reizvoll und anspruchsvoll macht.

Unterm Strich ist diese Runde rund um Malbun eine Tour für alle, die keine perfekt ausgeschilderte Standardroute suchen, sondern bereit sind, sich auch mal auf unklare Passagen einzulassen und Verantwortung am Berg selbst zu übernehmen. Früher im Jahr würde ich diese Route nicht gehen, eine Woche zuvor als ich den Schönberg bestiegen habe, war hier alles noch zugeschneit.

Kurz gesagt:
Eine Runde, die nicht nur Gipfel sammelt, sondern Charakter formt.

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