Falknis über Sankt Luzisteig

Veröffentlicht am 2. August 2026 um 08:33

Es gibt Berge, von denen man nachts träumt. Der Falknis, der bereits in Heidi von Johanna Spyri erwähnt wird, ist einer davon. Auf den vierthöchsten Hauptgipfel Liechtensteins führen mehrere Routen. Neben der Überschreitung über den Guschasattel, dem Aufstieg durch das Valünatal und der Route ab der Älplibahn Malans für die zuvor eine Reservation erforderlich ist, existiert auch die anspruchsvolle T4-Route ab St. Luzisteig.

Den Falknis durfte ich bereits von der Vorderen Grauspitz aus der Nähe bewundern. Direkt erreichbar ist der Berg von dort jedoch nicht. Eine Überschreitung wäre nur über weite Umwege oder anspruchsvolle Gratklettereien möglich, die meine Fähigkeiten zum aktuellen Zeitpunkt noch um Welten übersteigen.

Für die hier beschriebene Tour solltest du eine nahezu makellose Kondition mitbringen. Mit rund 21 Kilometern Distanz sowie über 2.000 Höhenmetern im Auf- und Abstieg fordert sie körperlich und mental alles ab. Der Abstieg neben dem Glegghorn, das zuvor umrundet werden muss, führt über einen nicht mehr vom SAC unterhaltenen Pfad in teilweise erschreckend schlechtem Zustand. Unachtsamkeit oder ein Fehler können hier tödliche Folgen haben.

Abgesehen von der T6-Gratüberschreitung von der Hinteren zur Vorderen Grauspitz war dies mit Abstand meine körperlich und mental anstrengendste Tour. In dieser Kombination ist sie für Anfänger absolut ungeeignet. Diese Tour soll weniger als Motivation dienen, selbst in die Berge aufzubrechen, sondern vielmehr als Mahnung, die eigenen Fähigkeiten, die Kondition und die aktuellen Verhältnisse realistisch einzuschätzen.

Route: (ca. 10h - 14h):
Sankt Luzisteig – Enderlinhütte SAC – Fläscher Fürggli– Falknis – Bad – Sankt Luzisteig

Achtung: Schwindelfreiheit, Trittsicherheit, Wegfindung im alpinen Gelände und erforderlich!

Blick auf das Kreuz des Falknis (2565m) 

1. Aufstieg aus Sankt Luzisteig

Gestartet sind wir heute zusammen mit einem Arbeitskollegen bereits gegen 05:00 Uhr an der Sankt Luzisteig. Die ersten rund 30 Minuten führten uns im Dunkeln über einen gut ausgebauten Schotterweg in Richtung Enderlinhütte bei welcher auch übernachtet werden kann. Obwohl der Falknis (2.565 m) in Liechtenstein liegt, beginnt diese Route in der Schweiz, da der Zustieg von hier deutlich einfacher und kürzer ist.

Der Falknis zählt (zumindest ohne die Auffahrt mit der Älplibahn) zu den anspruchsvollsten Bergen Liechtensteins. Neben einer guten Kondition verlangt die Tour vor allem Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und eine sichere Wegfindung.

Genau dabei unterlief uns bereits der erste Fehler. Um das erste Bachbett zu überqueren, muss die Brücke benutzt werden. Durch ein einmaliges falsches Abbiegen haben wir diese jedoch verpasst. Der alternative Pfad, der auf Komoot eingezeichnet ist, entstand offensichtlich improvisiert und sollte unter keinen Umständen begangen werden. Er kostet unnötig Zeit und Kraft und birgt zusätzlich Steinschlag- sowie Absturzgefahr.

Nach rund 2 Stunden und 30 Minuten erreichten wir schließlich die gemütliche Enderlinhütte. Der steile Zustieg ist hervorragend ausgebaut und stellenweise sogar mit Drahtseilen gesichert – warum genau, erschließt sich mir allerdings bis heute nicht. Nach dem schweißtreibenden Aufstieg gönnten wir uns hier erst einmal eine wohlverdiente Cola.

2. Energie tanken an der Enderlinhütte

Gegen 08:00 Uhr setzten wir unsere Wanderung in Richtung Falknis fort. Bereits nach wenigen Minuten war der Übergang von T3 auf T4 deutlich spürbar. Die Route führt durch beeindruckende Felsformationen unterhalb des Glegghorns, während sich in der Ferne bereits die Schesaplana und der aus Heidi bekannte Ochsenberg erkennen lassen.

Ganz in der Nähe befindet sich außerdem die berühmte Heidialp. Das kleine Dorf wurde als Kulisse nach dem Anime erbaut, die Alp selbst ist ca. 200 Jahre alt. Ich war dort im vergangenen Jahr gemeinsam mit meiner Frau. Persönlich konnte mich die Anlage allerdings nicht wirklich begeistern.

Das eigentliche Highlight der Tour beginnt zwischen der Enderlinhütte und dem Fläscher Fürggli. Dieser T4-Abschnitt gehört zu den schönsten, aber auch anspruchsvollsten Wanderwegen Liechtensteins. Zwar sind einzelne Passagen mit Fixseilen versehen, dennoch verläuft der Weg häufig sehr ausgesetzt. Teilweise bewegt man sich auf nur wenige Zentimeter breiten Felsbändern direkt neben steil abfallendem Gelände, ein Gefühl, das stark an die Gratüberschreitung zur Vorder Grauspitz erinnert.

Ein besonders eindrucksvoller Abschnitt ist ein versteckter kleiner Wasserfall, wobei "Wasserfall" fast schon übertrieben ist. Eigentlich handelt es sich eher um einen ständig feuchten Fels, der kurz vor dem steilen Aufstieg zum Fläscher Fürggli liegt und der Landschaft einen fast mystischen Charakter verleiht.

Auch der Schlussanstieg wartet noch mit einigen leichten Kletterstellen im I. Schwierigkeitsgrad auf. Wer sich in den ausgesetzten Passagen unwohl fühlt, sollte stattdessen die deutlich einfachere T3-Route über die Älplibahn wählen. Diese muss allerdings mehrere Tage im Voraus reserviert werden.

3. Aufstieg zum Falknis via Fläscher Fürggli

Nach dem Fläscher Fürggli wechselt der Wanderweg wieder auf den Schwierigkeitsgrad T3. Der Unterschied zum ausgesetzten T4-Abschnitt ist sofort spürbar. Das Gelände wird weniger steil, die technischen Anforderungen nehmen deutlich ab und man kann die beeindruckende Berglandschaft wieder etwas entspannter genießen.

Auf dem Weg passiert man eine kleine Notunterkunft und wird immer wieder mit markanten Felsformationen sowie herrlichen Ausblicken auf die Bergwelt Liechtensteins und der Schweiz belohnt. An diesem Punkt entschied ich mich bewusst, mein eigenes Tempo zu gehen und meinen Arbeitskollegen ein Stück alleine laufen zu lassen. Wir planen aktuell gemeinsam die Stubaier Seven Summits und dort kann es jederzeit passieren, dass jeder für einige Zeit auf sich allein gestellt ist. Solche Touren sind eine gute Gelegenheit, genau das zu trainieren.

Ursprünglich wollten wir den Falknis über den Guschasattel wieder verlassen. Kurz vor dem Gipfel kamen wir jedoch mit einer älteren Alpinistin ins Gespräch, die nach eigener Aussage bereits sämtliche 4.000er der Schweiz bestiegen hatte. Sie riet uns ausdrücklich von dieser Route ab und empfahl stattdessen den Abstieg über die Älplibahn.

Im Nachhinein betrachtet sollte sich genau diese Entscheidung als folgenschwerer Fehler herausstellen.

4. Falknis (2565m)

Nach dem anspruchsvollen Aufstieg erreichten wir schließlich den Gipfel des Falknis (2.565 m). Die Aussicht auf die Bergwelt der Schweiz und Liechtensteins ist schlicht beeindruckend. Besonders fasziniert hat mich jedoch der Blick in Richtung Guschasattel und Mazorakopf. In Kombination mit den Warnhinweisen zur Route wirkte dieser Übergang auf mich äußerst respekteinflößend.

Dennoch steht für mich fest: Ich werde den Falknis über den Guschasattel noch einmal besteigen. Wahrscheinlich werde ich anschließend über die Älplibahn absteigen. Bei einem Aufstieg von knapp 2.000 Höhenmetern sehe ich aktuell keine sichere Alternative. Irgendwann lässt die Konzentration nach, ein kleiner Ausrutscher oder ein Umknicken genügt – und in diesem Gelände können die Folgen schwerwiegend sein.

Auf dem Gipfel kamen wir mit einem Wanderer ins Gespräch, dessen Bruder tatsächlich in Rheinfelden (Schweiz) arbeitet – die Welt ist manchmal erstaunlich klein. Besonders beeindruckt hat mich außerdem ein älterer Bergsteiger, der trotz zwei Knieprothesen gemeinsam mit seiner Frau den Falknis bestiegen hatte. Das verdient größten Respekt.

Alle Wanderer, die wir am Gipfel trafen, waren über die Älplibahn aufgestiegen. Gerade in höherem Alter ist das absolut nachvollziehbar. Die T3-Route ist nicht nur deutlich einfacher, sondern auch sicherer. Zudem befinden sich dort keine durch Blitzeinschläge beschädigten Fixseile wie auf Teilen der anspruchsvolleren Route.

Nach einer ausgiebigen Gipfelpause machten wir uns wieder auf den Weg zurück zum Fläscher Fürggli. Von dort entschieden wir uns für den Abstieg in Richtung Älplibahn – eine Entscheidung, die sich später als großer Fehler herausstellen sollte.

5. Abstieg zwischen Glegghorn und Bad

Ich hasse es, Touren spontan umzuplanen. An diesem Tag hatten wir allerdings unglaubliches Glück: Das angekündigte Gewitter blieb aus und wir konnten unsere Wanderung fortsetzen.

Vorbei an einer großen Schafherde sowie den drei Bergseen ( Oberer See, Mittlerer See und Unterer See)  erreichten wir die Fläscher Alp und schließlich den Abzweig in Richtung Bad. Von hier aus gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Entweder wartet man auf einen freien Platz in der Älplibahn, oder man steigt über den laut Karte als T3 ausgewiesenen Wanderweg zwischen Glegghorn und Bad ab.

Wir entschieden uns für die zweite Variante – und machten damit unseren dritten großen Fehler an diesem Tag.

Dieser angebliche T3-Weg war mit Abstand der unangenehmste Abschnitt, den ich bisher im gesamten Peaking Liechtenstein-Projekt erlebt habe. Zwar musste ich Touren wie den Ziegerbergkopf bereits abbrechen, doch nichts kommt an diesen Abstieg heran.

Der Weg wird offensichtlich kaum noch unterhalten. Immer wieder verliert sich der Pfad vollständig, einzelne Abschnitte brechen einfach ab und enden oberhalb steiler Abstürze. Mehrfach mussten wir uns an Legföhren festhalten, um überhaupt weiterzukommen. Im oberen Bereich besteht zusätzlich erhebliche Steinschlaggefahr.

Aus meiner Sicht wird dieser Weg vom SAC beziehungsweise den zuständigen Stellen kaum noch gepflegt. Eine Begehung empfand ich als äußerst unangenehm und ich würde sie unter keinen Umständen empfehlen. Selten habe ich für einen Abstieg so lange gebraucht und war selten so erleichtert, endlich den gut ausgebauten Gleggtobelweg zu erreichen.

Wer den Falknis ohne Älplibahn besteigen möchte, sollte aus meiner Sicht entweder über die T4-Route oder über den regulären Weg der Älplibahn absteigen. Den Abstieg zwischen Glegghorn und Bad würde ich dagegen vermeiden.

Fazit

Der Falknis (2.565 m) hat mich mehr gefordert, als ich erwartet hatte. Nicht wegen einzelner Schlüsselstellen, sondern weil diese Tour immer wieder Konzentration verlangt. Der Wechsel zwischen T3 und T4, ausgesetzte Passagen, die Länge der Tour und die vielen Höhenmeter machen den Falknis zu einer der anspruchsvollsten Wanderungen in Liechtenstein.

Rückblickend haben wir an diesem Tag mehrere Fehler gemacht. Wir haben die Brücke zu Beginn der Tour verpasst, unsere ursprünglich geplante Route über den Guschasattel aufgrund einer Empfehlung geändert und uns am Ende für einen Abstieg entschieden, den ich heute niemandem mehr empfehlen würde. Genau solche Erfahrungen gehören für mich aber zum Bergsteigen dazu. Nicht jede Entscheidung ist richtig und nicht jede Empfehlung passt zur eigenen Erfahrung oder zur aktuellen Situation. Am Ende muss jeder seine Route selbst beurteilen und die Verantwortung für seine Entscheidungen übernehmen.

Trotz allem gehört der Falknis für mich zu den schönsten Bergen des Fürstentums. Die abwechslungsreiche Landschaft, die Aussicht auf die Schweiz und Liechtenstein sowie der anspruchsvolle Charakter der Tour machen den Gipfel zu einem echten Erlebnis. Besonders der Abschnitt zwischen Enderlinhütte und Fläscher Fürggli zählt für mich zu den schönsten Wanderwegen, die ich bisher in Liechtenstein gegangen bin.

Würde ich den Falknis noch einmal besteigen? Definitiv. Beim nächsten Mal möchte ich jedoch den Guschasattel begehen und anschließend über die Älplibahn oder je nach Bedingungen über die anspruchsvollere Aufstiegsroute wieder absteigen. Eines steht für mich nach dieser Tour fest: Berge verzeihen keine Selbstüberschätzung. Gute Vorbereitung, eine ehrliche Selbsteinschätzung und die Bereitschaft, Pläne auch einmal zu verwerfen, sind wichtiger als jeder Gipfelerfolg.

Genau das hat mir der Falknis eindrucksvoll gezeigt.

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