Gäbe es in Liechtenstein eine 7 Summits Liste ähnlich der bekannten Stubaier Seven Summits, wäre der Naafkopf sicherlich ein Kandidat dafür. Mit 2.570 Metern gehört er zu den markantesten Gipfeln des Fürstentums und liegt direkt im Dreiländereck zwischen Liechtenstein, Österreich und der Schweiz.
Traditionell wird der Naafkopf gerne zum Sonnenaufgang bestiegen. Ausgangspunkt ist dabei häufig die Pfälzerhütte, die neben einem hervorragenden Service auch gemütliche Schlafplätze bietet. Wer dort übernachten möchte, sollte allerdings frühzeitig planen: Eine Reservierung zwei bis drei Monate im Voraus kann sinnvoll sein. Da ich dieses Jahr keine entsprechende Vorlaufzeit für eine Übernachtung hatte, entschied ich mich für eine Naafkopf-Tagestour ab Malbun.
Auf dem Weg zum Naafkopf liegt mit dem Gorfion ein weiterer beeindruckender Gipfel. Der Berg befindet sich an der Grenze zu Österreich in Richtung Nenzinger Himmel und stand ebenfalls noch auf meiner persönlichen Gipfelliste. Die markante Form des Gorfion hatte mich allerdings lange abgeschreckt. Obwohl ich die von mir benannte „Krone des Fürstentums“ bereits mehrfach vom Augstenberg aus gesehen hatte, hatte ich den Gipfel bisher bewusst ausgelassen. Bei dieser Tour war es deshalb an der Zeit, auch den Gorfion abzuhaken.
Wer den Naafkopf von Malbun als Tagestour besteigen möchte, sollte eine gute Kondition mitbringen. Je nach gewählter Route kommen etwa 18,5 Kilometer und rund 1.500 Höhenmeter im Auf- und Abstieg zusammen. Die Tour ist damit zwar nicht die anspruchsvollste Unternehmung unseres Liechtenstein-Projekts, mit dem Falknis hatten wir bereits deutlich forderndere Touren dabei, dennoch sollte man die technischen Passagen nicht unterschätzen. Insbesondere der Gorfion erfordert im alpinen Gelände deutlich mehr als reines Wandern. Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und Erfahrung in einfachem Klettergelände sind hier wichtig. Die Kletterstellen bewegen sich bis etwa Schwierigkeitsgrad II.
Wer den Gorfion auslässt und direkt über das Bettlerjoch zum Naafkopf geht, kann die technisch anspruchsvollsten Passagen entsprechend reduzieren.
Route: (ca. 6h - 10h):
Malbun – Gorfion –Bettlerjoch– Naafkopf – Bad – Sankt Luzisteig
Achtung: Die Tour setzt Schwindelfreiheit, Trittsicherheit und Erfahrung im alpinen Gelände voraus. Für die Besteigung des Gorfion sind zudem Kletterfertigkeiten bis UIAA II erforderlich.
Blick auf Naaftal, Naafkopf (2571m), Grauspitze (2599m), Falknis (2560m), Plasteikopf (2355m), Hochspeler (2226m) und Rappenstein (2222m)
1. Aufstieg aus Malbun
Gestartet bin ich heute alleine gegen 7:00 Uhr vom Parkplatz in Malbun. Nach einer intensiven Recherche, da ich in St. Gallen in der Nähe der Churfirsten geblitzt wurde (Gott sei Dank nur 18 km/h statt 38 km/h zu schnell), ging es endlich los in Richtung Augstenberg.
Zum mittlerweile dritten Mal bin ich den Fürstin-Gina-Weg ab Malbun gegangen und ich muss sagen: Auch am frühen Morgen ist der Weg immer wieder eindrucksvoll. Gerade wenn noch kaum jemand unterwegs ist, hat die Strecke ihren ganz eigenen Charme.
Obwohl Sonntag war, war auf der Autobahn erstaunlich wenig los. Vorbei am Spitz, den ich heute bewusst ausgelassen habe, um etwas Energie für die lange Tour zu sparen, ging es weiter zum Augstenberg.
Dort begegnete ich dann auch dem ersten Wanderer, natürlich mit Hund.
Am Augstenberg machte ich kurz Rast und konnte von hier bereits den Gorfion mit seinen knapp 2.300 Metern beobachten. Einen konkreten Plan, wie ich den Gipfel heute tatsächlich angehen wollte, hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht.Manchmal hilft es eben, einfach näher heranzugehen.
Auch die Kindergruppe, die es bereits 2016 auf den Gorfion geschafft hatte, hat mich an diesem Morgen irgendwie zusätzlich motiviert. Wenn die das schaffen, sollte ich es wohl zumindest versuchen.
Gipfelfoto Gorfion (2308m)
Felsrinne am Gorfion (2308m)
2. Besteigung des Gorfion (2308m)
Nach der Besteigung des Augstenbergs führte meine Route weiter in Richtung Bettlerjoch, wo sich auch die Pfälzerhütte befindet. Unser nächstes Ziel ist der Gorfion, einer der markanteren Gipfel in diesem Teil Liechtensteins. Nach dem Augstenberg umgehen wir zunächst eine kleine Erhöhung. Kurz darauf erreichen wir ein Schild mit der Aufschrift „Wanderweg“, dessen Pfeil nach rechts zeigt. Der eigentliche Pfad zum Gorfion führt jedoch hinter dem Schild weiter. Wir folgen deshalb nicht der ausgeschilderten Variante, sondern steigen über eine kleine, bereits deutlich ausgesetzte Gratpassage im Bereich T4 weiter. An dieser Stelle war ich zunächst etwas unsicher, ob der Weg tatsächlich noch weiterführt. Nach einer kurzen felsigen Passage konnte ich jedoch die Fortsetzung des Pfades erkennen. Kurz darauf standen wir vor dem markanten Felsblock, der den anspruchsvollsten Abschnitt des Aufstiegs zum Gorfion einleitet.
Vor mir lagen zwei etwa 10 Meter hohe feste Felsrinnen (Bild links), über die der Normalweg führt. An dieser Stelle war ich zunächst etwas verunsichert. Zwei Einheimische, die ebenfalls unterwegs waren, kamen kurz darauf an und ich ließ sie an dieser Stelle zunächst vorgehen. Für die Besteigung ließ ich meinen Rucksack am Einstieg der Rinne zurück, wodurch ich meinen Schwerpunkt besser kontrollieren und mich auf die ausgesetzte Kletterpassage konzentrieren konnte. Gerade an solchen Stellen empfinde ich einen leichteren Rucksack als deutlichen Vorteil. Die Schwierigkeit dieser Passage wird vom LAV mit I+ angegeben. Diese Einschätzung kann ich persönlich allerdings nicht ganz nachvollziehen. Nach meinem subjektiven Eindruck liegt die Stelle eher im UIAA-Schwierigkeitsgrad II, da man teilweise nahezu senkrecht aufsteigt und einen sicheren Drei-Punkte-Kontakt benötigt. Dabei sollte man unbedingt bedenken, dass man dieselbe Stelle wieder abgestiegen muss. Gerade beim Abklettern können ausgesetzte und steile Passagen deutlich anspruchsvoller wirken als beim Aufstieg. Zusätzlich war ich an diesem Tag mit meinen Trailrunnern unterwegs, die ich auf dieser Tour gerade erst einlief. An der felsigen Schlüsselstelle waren sie gegenüber einem festeren Bergschuh eindeutig im Nachteil. Besonders auf dem teilweise steilen und felsigen Untergrund hätte ich mir hier etwas mehr Halt und Stabilität gewünscht.
Trotz der kurzen Unsicherheit war die Passage letztlich gut machbar. Sie ist jedoch definitiv eine Stelle, an der Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und ein sicherer Umgang mit ausgesetztem Gelände gefragt sind. Wer den Gorfion über diese Route besteigen möchte, sollte sich daher nicht ausschließlich an der offiziellen Schwierigkeitsbewertung orientieren, sondern auch die eigenen Fähigkeiten und die aktuellen Verhältnisse berücksichtigen.
3. Bettlerjoch und Pfälzerhütte
Noch etwas unter Adrenalin ging es für mich zurück in Richtung Augstenberg und von dort wieder zum bereits erwähnten „Wanderweg“-Schild. Ab hier folgte ich dem Weg in Richtung Bettlerjoch, auf dem die Pfälzerhütte auf 2.108 m liegt. Die Hütte ist ein idealer Ausgangspunkt für den Naafkopf und den weiteren Weg Richtung Grauspitz.
Der Weg vom Schild zur Pfälzerhütte ist deutlich entspannter als die vorherige Passage. Absturzgefährdete Stellen sind teilweise mit Fixseilen und Geländern gesichert. Für mich war dieser Abschnitt daher technisch kein großes Problem.
Wer den Sonnenaufgang am Naafkopf erleben möchte, für den bietet sich eine Übernachtung in der Pfälzerhütte definitiv an.
Auch der Name Bettlerjoch hat eine interessante Geschichte. Er geht auf die sogenannten Schmalzbettler zurück, die früher vom Nenzinger Himmel über das Bettlerjoch in Richtung Liechtensteiner Alpen zogen und dort um Lebensmittel wie Schmalz baten. Auch als Übergang zwischen dem Nenzinger Himmel und Liechtenstein hatte das Joch früher eine wichtige Bedeutung.
Hier traf ich dann auch auf die ersten anderen Bergsteiger des Tages. Gegen 9 Uhr unterhielt ich mich mit einem Tschechen, der mit Nike-Schuhen in Richtung Vorder Grauspitz aufbrechen wollte. Aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit und seiner Ausrüstung riet ich ihm davon ab. Er wollte zunächst sogar über den Naafkopf in Richtung Grauspitz, spätestens bei diesem Plan musste ich doch etwas schmunzeln.
Pfälzerhütte mit Gorfion (2308m)
Blick von Naafkopf (2571m) in Richtung der Grauspitzen
4. Naafkopf (2571m)
Mit 2.571 Metern ist der Naafkopf zwar der fünfthöchste Gipfel meines Projekts, nach Vorder Grauspitz, Hinter Grauspitz, Falknis und Kläusle, gleichzeitig aber der wohl am einfachsten zu erreichende Zweieinhalbtausender Liechtensteins.
Vom Bettlerjoch geht es über rund 450 Höhenmeter bergauf. Der Aufstieg ist zwar relativ lang, technisch aber unkompliziert und führt größtenteils über einen gut ausgebauten Kies- und Bergweg. Entsprechend waren hier auch einige Familien mit Kindern unterwegs.
Besonders gefreut habe ich mich über eine andere Begegnung: Auf dem Weg zum Naafkopf sah ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder Gämsen in Liechtenstein. Meine letzte Begegnung mit Gämsen war fast genau ein Jahr zuvor am Pilatus. Dazwischen war ich unter anderem in Tirol, Hohentauern, Luzern und im Wallis unterwegs, umso schöner, die Tiere nun endlich auch bei meinem Projekt in Liechtenstein zu entdecken.
Oben angekommen eröffnet sich eine fantastische Aussicht über die Alpen. Der Blick reicht unter anderem zur Schesaplana, in Richtung Piz Bernina und Bündnerland, zu den Flumserbergen und über weitere Teile Liechtensteins. Auch die Falkniskette ist von hier aus eindrucksvoll zu sehen.
Für mich hat sich der Aufstieg definitiv gelohnt. Überraschenderweise gefällt mir der Naafkopf landschaftlich sogar besser als die Grauspitzen. Der Gipfel bietet eine unglaubliche Rundumsicht und wirkt trotz des vergleichsweise einfachen Aufstiegs richtig alpin.
Auf dem Gipfel lernte ich außerdem eine Gruppe kennen, die mit Mountain Unicycles (Muni) unterwegs war. Mountain Unicycling hatte ich bis dahin tatsächlich noch nie live gesehen. Ich musste mich schon fragen, wie man überhaupt auf die Idee kommt, mit einem Einrad in den Bergen unterwegs zu sein.
Der Naafkopf ist damit für mich ein echtes Highlight des Projekts: technisch relativ unkompliziert zu erreichen, landschaftlich großartig und mit einer Aussicht, die sich vor den höheren Gipfeln Liechtensteins definitiv nicht verstecken muss.
5. Abstieg nach Malbun
Von hier an zog sich die Strecke ordentlich. Bis zur Pfälzerhütte (bei der ordentlich was los war) konnte ich noch mit den Muli-Fahrern mithalten, bevor diese in Richtung Valünatal weiterzogen.
Der anschließende Aufstieg zum Augstenberg war dann allerdings noch einmal ordentlich kräftezehrend. Besonders bemerkbar machte sich, dass meine eingeplanten 2 Liter Wasser langsam zur Neige gingen. Am Augstenberg selbst war zu dieser Zeit richtig viel los, nach den bisher eher ruhigen Abschnitten der Tour war der Kontrast schon deutlich.
Als Konsequenz entschied ich mich, für den Rückweg einen direkteren Weg nach Malbun zu nehmen. Gegen 14:30 Uhr erreichte ich schließlich das Tourismusbüro in Liechtenstein.
Dort gönnte ich mir erstmal einen Karamellbecher und eine Cola. Die Cola war nach der langen Tour allerdings keine besonders gute Idee, durch die viele Kohlensäure musste ich tatsächlich fast erbrechen.
Trotzdem war die Naafkopf-Runde über Bettlerjoch, Pfälzerhütte und Augstenberg für mich ein richtig starker Abschluss der Tour.
Mountain Unicycling auf dem Naafkopf
Fazit: Naafkopf und Gorfion, eine abwechslungsreiche Bergtour in Liechtenstein
Der Naafkopf (2.570 m) gehört für mich zu den lohnendsten Gipfeln in Liechtenstein. Würde es im Fürstentum eine Seven-Summits-Liste ähnlich den bekannten Stubaier Seven Summits geben, wäre der Naafkopf für mich definitiv ein Kandidat dafür. Der markante Dreiländergipfel liegt an der Grenze zwischen Liechtenstein, Österreich und der Schweiz und bietet eine beeindruckende Aussicht über den Rätikon und die umliegende Bergwelt. Auch der Liechtensteiner Alpenverein bezeichnet die Pfälzerhütte als idealen Ausgangspunkt für den Naafkopf.
Traditionell wird der Naafkopf gerne für eine Sonnenaufgangstour genutzt. Wer früh am Gipfel stehen möchte, kann in der Pfälzerhütte auf 2.108 m übernachten. Für meine Tagestour hatte ich allerdings keine entsprechende Vorlaufzeit und entschied mich deshalb für die lange Variante ab Malbun über Augstenberg, Gorfion und Bettlerjoch.
Besonders interessant macht die Tour die Kombination mit dem Gorfion (2.308 m). Der markante Gipfel hatte mich schon länger abgeschreckt, obwohl ich ihn vom Augstenberg aus bereits mehrfach gesehen hatte. Die kurze Kletterstelle am Gipfelaufbau wird auch vom LAV mit I+ Grad angegeben und muss sowohl im Auf- als auch im Abstieg bewältigt werden.
Wer den Naafkopf ohne Gorfion besteigt, kann die technisch anspruchsvollste Passage dieser Runde umgehen. Der Aufstieg von der Pfälzerhütte zum Naafkopf ist deutlich unkomplizierter und wird vom LAV als Bergweg beschrieben.
Für meine komplette Runde ab Malbun kamen rund 18,5 Kilometer und etwa 1.500 Höhenmeter zusammen. Damit ist die Tour vor allem konditionell nicht zu unterschätzen. Der Naafkopf selbst ist technisch vergleichsweise einfach, während der Gorfion deutlich mehr alpine Erfahrung verlangt.
Mein persönliches Highlight war letztlich aber nicht nur der Gipfel selbst. Die Kombination aus Gorfion, Bettlerjoch, Pfälzerhütte und Naafkopf macht diese Tour besonders abwechslungsreich. Dazu kommen die Aussicht auf Schesaplana, Bündnerland und Falkniskette, die Begegnung mit Gämsen und sogar eine Gruppe Mountain-Unicycling-Fahrer auf dem Gipfel.
Wer den Naafkopf besteigen und dabei möglichst viel von dieser beeindruckenden Ecke Liechtensteins erleben möchte, dem kann ich die Kombination über den Gorfion definitiv empfehlen. Wer es technisch einfacher möchte, lässt den Gorfion aus und steigt direkt von der Pfälzerhütte zum Naafkopf auf.
Für mich steht jedenfalls fest: Der Naafkopf gehört zu den Gipfeln Liechtensteins, die man bei einer vollständigen Erkundung des Fürstentums nicht auslassen sollte.
Kommentar hinzufügen
Kommentare